Die Kreuzworthexe

7:30 Uhr. Ich wollte nur noch schnell Zigaretten kaufen.

Die Frau betrat nur 5 Sekunden vor mir den Zeitungskiosk. 5 Sekunden, die ich kurz zuvor beim Ausschlürfen des Kaffeebechers leichtfertig vertrödelt hatte. Nun stand sie dort vorn am Verkaufstresen und sah schon von hinten betrachtet recht unaufgeräumt aus.

Eine nähere Betrachtung ihrer Erscheinung bestätigte diesen ersten Eindruck mehr und mehr, und für eine solche Betrachtung hatte ich nun ein bisschen Zeit, da sie sich mindestens eineinhalb Minuten lang nervös im Laden umschaute. Ich schätzte sie auf Anfang fünfzig. Ihr graublondes, entweder oberfettiges oder aber frischgewaschengewachstgegeltes Haar fiel spaghettiesk über ihre daunenbejackten Schultern, und ihr irrer, stechender Blick bahnte sich seinen Weg durch die Panzerglasbrillengläser. Ihre Augäpfel schienen zu pochen.
Ich befand mich in der komfortablen Position des Beobachters im Hintergrund, der Zeitungsmann jedoch tat mir auf der Stelle leid, als er von ihr angekeift wurde.

“Eene BZ!”

Kein “Guten Morgen”, kein “Bitteschön”, nur dieser eine Befehl, vorgetragen im feinsten Jargon.

“Leider keine BZ mehr da”, flüsterte er beinahe, der nette, nun eingeschüchterte Kioskmann, der die Holde nicht zu kennen schien.

“WAAAAAAAAT???”, polterte das Hexenwesen durch den Laden, “Dit kann do wohl ne wahr sei-en!”

Ihr ohnehin schon seltsam anmutendes Antlitz verformte sich zu einer Fratze des Grauens, und der Zeitungsmann stotterte bemüht freundlich, dass er gegen 9 Uhr eine weitere Lieferung erwarte.

“Na, dit reicht mir do nich, ick brauch die ja ooch nur wejen dit Kreuzworträtsel!”

Sie wirkte plötzlich noch nervöser, tippelte mit den Füßen vor und zurück und ich bin mir sicher, dass ihr Schweißperlen auf der Stirn standen.

“Hamse irjendne andre ßeitung mitm Kreuzworträtsel drinne?”

“Ähm, ich schau… …”

“Mann, irjendeene, is mir ejal, verdammt, ick BRAUCH meen Kreuzworträtsel morjens! Kacke!”

Mit den letzten beiden Silben bückte sie sich herunter zum Aufsteller mit diversen anderen Tageszeitungen und begann, wie vom Teufel besessen darin herumzukramen. Diverse Werbeprospekte fielen dabei zu Boden, sie ächzte und keuchte wie eine Gehetzte, hektisch auf der Suche nach einer erlösenden Seite mit Karos in irgendeiner der Zeitungen. Währenddessen blätterte der Zeitungsmann in einer anderen Tageszeitung herum. Dies zwar auch hektisch, aber er wirkte dabei noch menschlich. Ich nutzte den Moment, um im Seitenblick das Zeitschriftenregal zu beäugen. Ich war so weit, hätte ich hier ein Rätselheft gefunden, wäre ich draufgesprungen, damit zur Kasse gehechtet, hätte meine Zigaretten bestellt, beides bezahlt und dem Heft eine Seite herausgerissen, um sie der Hexe vor die Fettstirn zu klatschen. Ja, ich war inzwischen ein wenig aufgebracht.

Zu diesem Szenario kam es schließlich nicht. Exakt nämlich, als dieser Gedanke zu Ende gedacht war, schlug der Zeitungsmann die Kreuzworträtselseite der von ihm durchwühlten Gazette auf.

“Hier, bitteschön!”, sprach er spürbar erleichtert. Er hatte wahrscheinlich einen Amoklauf verhindert.

Madame Medusa blickte für einen Sekundenbruchteil auf, stapelte daraufhin alle vorher dem Aufsteller entrissenen Zeitungen wild aufeinander, schmiss die Werbebroschüren obendrauf und erhob sich. Und in diesem Moment vollzog sie eine seltsame Wandlung: ihre Körperspannung ließ nach und ich meinte, ein Lächeln in ihrem Gesicht entdeckt zu haben.

Sie bezahlte mit den Worten: “Wissense, juta Mann, wenn ick morjens meen Kreuzworträtsel nich hab’, da wer’ ick wirklee krank von.”

Das glaubte ich ihr und fragte mich still, wie oft in den letzten Wochen sie wohl morgens schon kein Kreuzworträtsel bekommen hatte.

4 Kommentare

  1. Warum hast Du so wenig Kommentare??? Du schreibst echt göttlich und ich schaue hier jetzt regelmäßig vorbei :-)

    Ach ja, ich hoffe Du begegnest dem Krähenmann so bald nicht wieder ;-)

    1. Das kann man sich fragen. Muss man aber nicht. Ich glaube, ich erhalte ganz viele Kommentare, nur werden die meisten davon nicht aufgeschrieben. Vielleicht ist das auch ganz gut so.

      Dankeschön aber für Deinen. Und auf Wiederlesen.

    1. Naja, ich spiele mit dem Gedanken, nun prophylaktisch immer ein Rätselheft mit mir rumzuschleppen, falls sie eines Morgens erneut in meiner Anwesenheit eskalieren sollte.

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