Der Anschlag

Gestern Abend. Ich laufe durch Mitte. Also durch Berlin-Mitte. Also durch das ursprüngliche Berlin-Mitte, nicht etwa durch eines der inzwischen eingemeindeten Berlin-Mittes wie Berlin-Wedding-Mitte oder Berlin-Tiergarten-Mitte.

Durch Berlin-Mitte laufen zu müssen, das allein ist ja immer schon so eine Sache. Um es kurz zu machen: ich bin stets versucht, es kurz zu machen.

So also auch gestern. Ich marschiere recht schnellen Fußes gen Norden. Das nicht unbedingt angenehmere, aber als ein wenig sympathischer empfundene Süd-Prenzlberg ist bereits in Sichtweite.
Ich weiß nicht mehr, was ich gerade dachte; möglicherweise dachte ich gar nichts, das kommt bisweilen vor. Plötzlich reißen mich zwei Wahrnehmungen aus meiner Gedankenverlorenheit: ein seltsames Ploppen am Ohr und Gekicher weiter oben.
Im Augenwinkel sehe ich irgendetwas von mir abprallen und auf den Gehweg purzeln. Ich blicke hinab und erkenne: ein Gummibärchen. Nicht irgendein Gummibärchen, sondern ein farbloses.

Ich fasse mir ans Ohr und stelle beruhigt fest, glücklicherweise unverletzt geblieben zu sein. Mein nächster Blick geht in Richtung des Gelächters im Fenster über mir. Dort entdecke ich die zwei Attentäter. Fiese Gestalten, wie ich sofort feststelle. Noch dazu von der ganz niederträchtigen Sorte, denn sie haben sich zum Zwecke dieses feigen Anschlags als Kinder verkleidet, um einer eventuell folgenden Verurteilung von vornherein einen Riegel vorzuschieben. Man kennt das ja, das Kindchenschema als Verniedlichungstaktik. Aber nicht mit mir, meine Herren Terroristen!

Zunächst sehe ich noch, wie sich die beiden Schurken in der Hoffnung, ich könnte sie vielleicht noch nicht erspäht haben, im Fenster wegducken. Dann bücke ich mich nach dem Corpus Delicti. Als ich es ansehe, wird mir schlagartig ein weiteres Detail zum Beweis der Durchtriebenheit der Tat bewusst: die Farblosigkeit des Gummibärchens sollte ganz sicher die Wahrscheinlichkeit verringern, dass es gefunden und der Spurensicherung zugeführt wird. Geistesgegenwärtig streife ich also vor dem Aufheben der Tatwaffe meine Handschuhe über. Zusätzlich zücke ich meinen Kugelschreiber, schreibe eben noch lesbar “Beweisstück A” auf den Fruchtgummiklumpen, lasse ihn in das Zigarettenschachtelklarsichttütchen plumpsen und verstaue alles in meiner Jackentasche.

Dies alles unbemerkt von den sich in Deckung befindlichen Banditen, was mich auf auf die Idee bringt, sie glauben zu machen, dass sie sich in Sicherheit wiegen können. “Huch, da hatte ich doch eben kurz das Gefühl, irgendetwas hätte mich am Ohr getroffen!”, spreche ich mit täuschend echt vorgespieltem Erstaunen. “Aber hier liegt ja überhaupt nichts herum. Hmm, dann habe ich mir das sicherlich nur eingebildet.” Mit diesen Worten verlasse ich den Tatort. Und mit dem Vorhaben, die Angelegenheit in den nächsten Tagen den Strafverfolgungsbehörden zu übergeben.

Später in der Nacht, die Attacke ist bereits fast wieder vergessen, komme ich auf dem Rückweg erneut vorbei. Mir fällt alles wieder ein: wie ich den Anschlag wie durch ein Wunder überlebt, wie professionell ich mich bei der Beweissicherung verhalten, wie arglistig ich die Kriminellen getäuscht hatte. Sie hatten den Abend vermutlich feiernd verbracht, glücklich über das scheinbare Gelingen ihres perfekten Verbrechens. Als ich in meine Tasche greife, bekomme ich einen Schreck. Das Tütchen mit dem Wurfgeschoss ist verschwunden. Womöglich wurde ich bestohlen, vielleicht habe ich es auch verloren. Wahrscheinlich aber habe ich es irgendwann Laufe der Nacht einfach gedankenlos gegessen. Jedenfalls ist es weg. Und mit ihm mein schöner und so gerissen eingefädelter Plan, die Bösewichte dingfest zu machen. Wie schade!

Diesmal sind die Halunken dem starken Arm des Gesetzes also nochmal entgangen.
Aber ich muss ja häufiger durch Mitte laufen. Und ich werde sie im Auge behalten.

1 Kommentar

  1. Herrlich!!!
    Ich hab da ja eine andere Mutmaßung! Die “Kinder” waren schon “bettfertig” und sollten schlafen. Sie wollten aber unbedingt noch was naschen. Als plötzlich die Kinderzimmertür geöffnet und durch den Lichtschein des Flurs ein riesiger Schatten ins Zimmer fiel, fühlten sich die Kinder ertappt und warfen das Gummibärchen kurzer Hand aus dem offenstehenden Fenster. Das Gekicher hinterher galt wahrscheinlich nicht dir – dem zufällig getroffenen Opfer, sondern viel eher den gefoppten Eltern.

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